Fix the women, not the system?

Warum strukturelle Probleme bei Frauen hängen bleiben

Warum strukturelle Probleme so hartnäckig bei den Frauen selbst landen und was das mit meinem Brief an Unilever zu tun hat.

Fix the women, not the system. So klang es zwischen den Zeilen bei einer Podiumsdiskussion auf dem Waterkant Festival in Kiel. Gesagt hat es natürlich niemand. Aber am Ende landete aus meiner Sicht die Lösung mal wieder bei den Frauen selbst. Wie so oft, wenn es um strukturelle Benachteiligung von Frauen geht.

Menstruation am Arbeitsplatz: eine vertraute Diskussion

Es ging um Hindernisse, die nur Frauen betreffen. Um den Zyklus und um Schmerzen, die den Arbeitsalltag real beeinflussen. Im Labor genauso wie auf der Baustelle, im Konstruktionsbüro genauso wie im Großraumbüro der IT-Abteilung. Aber eigentlich ja überall.
Die Runde war sich einig: Am System müsste sich etwas ändern. Die folgenden Vorschläge blieben mir besonders in Erinnerung: mehr Verständnis von der Führungskraft einfordern. Freistellung bei starken Beschwerden, so wie Spanien es seit 2023 geregelt hat. Kostenfreie Hygieneprodukte auf den Toiletten.
Alles nachvollziehbar. Nur bleibt leider unklar, wer das eigentlich umsetzen soll.

Wenn die Lösung wieder bei der Einzelnen landet

Schon "mehr Verständnis einfordern" regt mich auf. Damit liegt die Lösung wieder bei einer einzelnen Person und ihrem Wohlwollen. Dabei geht es um einen Anspruch, den Frauen haben. Ich habe keine Lust mehr, dass wir Frauen uns weiterhin "zusammenreißen" sollen, um zu funktionieren. Das haben wir doch lange genug gemacht.
Eine Bitte um Verständnis ist verhandelbar. Sie hängt davon ab, wie empathisch die Führungskraft ist und wie ihr Tag gerade läuft. Ein Anspruch hängt davon nicht ab. Das ist nicht einfach nur als ein sprachliches Detail.
In meinem ersten Blogbeitrag ging es darum, wie schnell wir die Ursache für Schwierigkeiten bei uns selbst suchen. Hier passiert etwas Ähnliches, nur eine Ebene höher. Das war eine Frage der Rahmenbedingungen, die hier entscheidend ist.

Mein Brief an Unilever

Neu ist das alles nicht. Vor über zwanzig Jahren, noch im Psychologiestudium, ging ein Brief von mir an Unilever: Ich habe damals (!) schon kostenfreie Hygieneprodukte für Frauen und Mädchen gefordert, denn wir können ja nichts dafür, dass wir Frauen sind, so meine Argumentation.
Es kam tatsächlich eine Antwort. Sinngemäß: Das ginge so nicht, das wären ja viel zu viele.
Ein einzelnes Unternehmen kann natürlich nicht der richtige Adressat für eine gesellschaftliche Frage sein. Die Antwort selbst klingt aber dennoch bis heute vertraut.

Strukturelle Benachteiligung: Warum es immer wieder bei den Frauen landet

Zwanzig Jahre und viele Podiumsdiskussionen später ist die Idee dieselbe. Und die Reaktion auch, sobald es konkret wird. Zu teuer. Zu aufwendig. Sobald aus "man müsste mal" ein "so geht das" wird, zieht sich das System auf seine Komplexität und damit auch auf eine gewisse Unangreifbarkeit zurück.
Übrig bleibt der Auftrag an die Frauen. Besser organisieren, Schmerzmittel nehmen, Termine schieben, Bedürfnisse geschickter kommunizieren.
Und das betrifft ja nicht nur den Zyklus. Meetings um 17 Uhr. Beförderungskriterien, die vor allem Präsenz belohnen. Die stille Erwartung ist immer dieselbe: Pass dich an.
In der Gleichstellungsforschung ist das längst beschrieben. Die US-Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger hat gezeigt, dass viele Förderprogramme jahrzehntelang versucht haben, Frauen fit für bestehende Strukturen zu machen. Die Institutionen selbst kamen erst spät in den Blick. "Fix the women" eben.
Auch in Deutschland wird das seit Jahren klar benannt. Die Soziologin Jutta Allmendinger forscht zu Arbeitsmarkt, Bildung und den Lebensverläufen von Frauen. Ihr Befund: Teilzeit ist bis heute ein Karrierekiller, und Teilzeit machen vor allem Frauen. Allmendinger dreht die Perspektive um. Es reicht nicht, Frauen das Arbeiten "wie Männer" zu erleichtern. Männer sollen auch "wie Frauen" arbeiten können. Ihr Vorschlag: eine 32-Stunden-Woche für alle, im Schnitt über das ganze Berufsleben verteilt. Das ist „Fix the system“ in Reinform.
Für Technik und Forschung arbeitet Martina Schraudner an der TU Berlin und bei Fraunhofer daran, Organisationen so zu gestalten, dass unterschiedliche Perspektiven von Anfang an mitgedacht werden.

Mittlerweile stellt sich mir außerdem die Frage: Wer ist denn eigentlich "das System"?

Systeme haben Namen

Ein Unternehmen, das eine Kostenentscheidung trifft, trifft eine Entscheidung. Ein Ingenieurbüro, das Beförderungskriterien festlegt, tut das mit Absicht. Das passiert nicht einfach so. Hinter Budgets und Zuständigkeiten stehen Menschen. Und die können auch anders entscheiden.
Trotzdem wird "das System" behandelt wie eine Naturgewalt. Etwas, das man aushalten muss oder an das man sich anpasst. Dabei steht hinter jeder einzelnen Entscheidung jemand mit Namen und Unterschriftsbefugnis.
Dass sich etwas bewegt, wenn die Richtigen entscheiden, zeigen ein paar Beispiele. Schottland hat 2020 als erstes Land beschlossen, dass Periodenprodukte kostenlos zugänglich sein müssen. In Deutschland wurden Tampons und Binden bis 2019 mit 19 Prozent Mehrwertsteuer belegt, seit 2020 sind es 7 Prozent. Spanien hat 2023 die Krankschreibung bei starken Menstruationsbeschwerden gesetzlich geregelt.
Bei Unilever ging da damals natürlich nichts. In den Parlamenten heutzutage schon.

Wer trifft bei dir die Entscheidung?

Die Frage ist also nicht: Wie viel Verständnis bekomme ich von meiner Führungskraft?
Die Frage ist: Wer trifft hier eigentlich die Entscheidung? Und warum werden Abläufe und Regeln so selten in Frage gestellt?
Für den eigenen Arbeitsplatz heißt das: nachfragen, wer zuständig ist. Das kann der Betriebs- oder Personalrat sein, die Gleichstellungsbeauftragte, das betriebliche Gesundheitsmanagement oder die Fachkraft für Arbeitssicherheit. Dort wird aus einer persönlichen Bitte eine Frage der Organisation.
Und: sich zusammentun. Wenn mehrere Kolleginnen dasselbe Anliegen haben, lässt es sich schwer als Einzelfall abtun.

Warum das in MINT-Berufen besonders schwer wiegt

Das gilt weit über mathematische, technische und naturwissenschaftliche Berufsfelder hinaus. Aber gerade dort, wo Frauen ohnehin in der Minderheit sind, wiegt die Verschiebung der Verantwortung besonders schwer. Wer als Einzelne auffällt, trägt auch die Last der Lösung meist allein. Und als einzige Frau im Team überlegt man sich zweimal, ob man ein Thema anspricht, das einen noch sichtbarer macht.
Wenn etwas nicht funktioniert, liegt es also nicht automatisch an dir. Oft liegt es an Strukturen, in denen du nie mitgedacht warst.
Fix the system. Not the women.

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Zum Weiterlesen

Allmendinger, J. (2021). Es geht nur gemeinsam! Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen. Berlin: Ullstein.

Dr. Astrid Gulba zum Thema strukturelle Hürden für Frauen im Beruf

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