Feedback persönlich nehmen

Warum ein knapper Ton mehr über uns verrät, als wir denken

Wie frühe Bindungserfahrungen unsere Wahrnehmung von Feedback prägen und was Frauen in MINT-Berufen daraus lernen können.

Willkommen auf meinem Blog! Hier schreibe ich künftig über psychologische Muster, die Frauen in MINT-Berufen im Berufsalltag begegnen, und darüber, wie sich gut mit ihnen umgehen lässt.

Mein Chef grüßt am Morgen nur kurz, sein Blick geht halb an mir vorbei. Im ersten Meeting verschüttet er seinen Kaffee über den Tisch und schimpft vor sich hin. Gerade als ich mit meiner Präsentation beginne, steht er auf und holt sich einen neuen Kaffee. Zurück am Tisch seufzt er leise.
Mein Kopf macht daraus zunächst etwas ganz Bestimmtes: Da habe ich wohl etwas falsch gemacht.
Mein Erwachsenen-Ich, wie es die Transaktionsanalyse nach Eric Berne nennt, weiß aber inzwischen: Er hatte einfach einen miesen Morgen. Mit mir und meiner Präsentation hatte das nichts zu tun.
Diese kleine Fehlinterpretation passiert mir bis heute. Feedback persönlich zu nehmen, obwohl es gar nicht mir galt, hielt ich lange für ein Problem meiner Persönlichkeit oder dieser angeblich typisch weiblichen Empfindlichkeit. Als Diplompsychologin weiß ich aber: Dahinter steckt ein Muster, das viel älter ist als der einzelne Moment.

Innere Arbeitsmodelle: Die unsichtbare Brille, durch die wir Feedback lesen

Die Bindungstheorie nach John Bowlby liefert dafür eine erstaunlich präzise Erklärung. Frühe Bindungserfahrungen prägen sogenannte innere Arbeitsmodelle: Erwartungen darüber, wie andere auf uns reagieren werden. Diese Modelle laufen seit unserer frühesten Kindheit unbewusst mit. Sie entscheiden, wie wir eine knappe E-Mail oder einen kühlen Tonfall verstehen, bevor wir überhaupt bewusst nachdenken.
Sie wirken im Hintergrund wie eine Brille, durch die jede neue Situation gefiltert wird. Oft merken wir gar nicht, dass wir sie tragen.

Warum nehmen wir Feedback persönlich? Feedback als Bindungssignal

Genau hier wird die Rückmeldung einer Führungskraft zum Bindungssignal. Dabei zählt weniger der Inhalt als die Form. Kommt eine Rückmeldung prompt und wohlwollend? Oder bleibt sie aus, kommt verzögert oder unterschwellig gereizt? Unser Nervensystem registriert das, lange bevor wir es gedanklich einordnen.
Das erklärt, warum ein und dieselbe kurze Antwort von zwei Menschen völlig unterschiedlich erlebt werden kann. Die eine liest Sachlichkeit als Sachlichkeit. Die andere liest darin Ablehnung, weil ihr inneres Arbeitsmodell genau diese Deutung nahelegt. Mit Überempfindlichkeit hat das wenig zu tun.
Für mich persönlich heißt das auch heute noch: bewusst innehalten. Manchmal muss ich mir aktiv sagen, dass Sachlichkeit nicht automatisch Kritik ist und dass ein knapper Ton oft mehr über den Tag der anderen Person verrät als über mich. Erstaunlich oft vergesse ich das und muss es mir neu bewusst machen. Wieder einmal zeigt sich: Psychologinnen sind auch Menschen mit Bindungserfahrungen.

Wahrnehmung als analytische Fähigkeit: Was Frauen in MINT-Berufen daraus mitnehmen können

Für Frauen in MINT-Berufen heißt das: Die analytische Schärfe, die im Job überzeugt, lässt sich auch auf die eigene Wahrnehmung anwenden. Wer die eigene Wahrnehmung schärft, ordnet Signale treffender ein. Nicht jedes Signal, das verunsichert, hat mit der eigenen Kompetenz zu tun. Oft liegt die Ursache woanders, an einem schlechten Tag oder an ganz anderen Dingen.
Genau damit beschäftigt sich die Attributionstheorie nach Harold Kelley. Verhalten treffend einzuordnen heißt, zwischen äußeren und inneren Ursachen zu unterscheiden, statt reflexhaft die Schuld bei sich selbst zu suchen. Diese Fähigkeit lässt sich trainieren, so wie man lernt, in Messdaten ein Signal vom Rauschen zu unterscheiden.

So prüfst du, ob Feedback wirklich dir gilt

Kelley beschreibt drei Fragen, mit denen sich Verhalten sauber einordnen lässt. Nimm eine Situation, die dich beschäftigt, und geh sie der Reihe nach durch.

Konsens: Reagieren auch andere Menschen so auf dich? Wenn Kolleginnen und Kunden dir zugewandt begegnen, spricht wenig dafür, dass es an dir liegt.

Distinktheit: Verhält sich die Person nur dir gegenüber so oder auch anderen gegenüber? Wer an einem frühen Morgen schon über den Kaffee flucht, meint selten deine Präsentation.

Konsistenz: Reagiert die Person immer so auf dich oder nur heute? Ein einzelner knapper Moment ist ein Datenpunkt, noch kein Muster.
Erst wenn viele Menschen so auf dich reagieren, wenn die Person nur bei dir so ist und das regelmäßig, lohnt ein genauerer Blick auf dich selbst. Aber auch dann bringt ein klärendes Gespräch mehr als stilles Grübeln.

Zum Weiterdenken

Wann hast du zuletzt Sachlichkeit vorschnell als Kritik an dir gelesen, statt als das, was sie meistens ist?

Du erkennst dich in diesen Situationen wieder?

In einer Fokussession schauen wir gemeinsam auf eine konkrete Situation aus deinem Arbeitsalltag. Wir finden heraus, welches Muster bei dir mitläuft und entwickeln einen Umgang damit, der zu dir passt. Sichere dir jetzt deine kostenlose Fokussession.

Literatur

Bowlby, J. (2021). Bindung als sichere Basis (5. Aufl.). München: Ernst Reinhardt.
Grossmann, K. & Grossmann, K. E. (2012). Bindungen. Das Gefüge psychischer Sicherheit (5., vollst. überarb. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta.
Sroufe, A. (2022). Der Weg zur eigenen Persönlichkeit. Wie Bindungserfahrungen uns lebenslang prägen. Stuttgart: Klett-Cotta.
Heider, F. (1977). Psychologie der interpersonalen Beziehungen. Stuttgart: Klett.
Kelley, H. H. (1967). Attribution theory in social psychology. In D. Levine (Hrsg.), Nebraska Symposium on Motivation (Bd. 15). Lincoln: University of Nebraska Press.
Ullrich, J., Stroebe, W. & Hewstone, M. (Hrsg.) (2023). Sozialpsychologie (7., vollst. überarb. Aufl.). Berlin: Springer.

 

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