Resilienztrainings und mental-health-Angebote gehören in Unternehmen längst zum Standard. Doch wen entlasten sie eigentlich? Ein Blick darauf, wann aus gut gemeinten Angeboten eine stille Problemverschiebung wird.
Eine Coachee hat mir neulich mit einem fast rebellischen Lächeln erzählt, dass sie dieses Mal zum Resilienztraining ihrer Firma gegangen ist. Bähm.
Was eigentlich eine gute Nachricht sein sollte, hatte einen bitteren Nachgeschmack. Denn das Kuriose: Sie musste sich diese Teilnahme regelrecht erkämpfen. Vorträge zur mental health gibt es in ihrer Firma regelmäßig, Resilienztrainings auch. Nur hat sie meistens keine Zeit dafür, weil niemand ihr in dieser Zeit die Arbeit abnimmt, die auf ihrem Tisch liegt und weiter wächst, während sie im Seminarraum oder vor dem Bildschirm der Online-Vorträge sitzt.
Mir selbst ging es früher ähnlich. Vorträge, die ich gern gehört hätte, konnte ich oft nicht besuchen, weil mein geschäftliches Umfeld die Teilnahme nicht als wichtigen Beitrag zur Arbeitsgesundheit anerkannt hat. Meine Zeit musste für die vermeintlich wichtigeren Aufgaben eingesetzt werden.
Zurück zu den Dimensionen des Themas: Resilienztrainings und mental-health-Vorträge gehören in Unternehmen heute zur Grundausstattung. Die Botschaft an die Belegschaft lautet: Wir kümmern uns um eure psychische Gesundheit. Die Botschaft an die Außenwelt lautet: Wir sind ein moderner Arbeitgeber. Beides ist nicht falsch, und beides ist wünschenswert. Nur muss auch die eigentliche Frage gestellt und beantwortet werden: Wen entlastet so ein Training eigentlich?
Denn das grundsätzliche Problem bleibt meist bestehen: Die Strukturen, die überhaupt erst zu einer Belastung führen, bleiben unverändert. Workload, Erwartungen von Führungskräften, Verfügbarkeitskultur, all das steht genauso da wie vorher. Nur die Mitarbeiterin soll nach einem Resilienztraining widerstandsfähiger sein.
Das klingt für mich wie das Angebot an eine überlastete Mitarbeiterin, doch bitte ein Seminar zu Arbeitstechniken zu besuchen, ohne dass sich jemand mal den tatsächlichen Workload anschaut. Als wäre alles nur eine Frage von Prioritäten und Eisenhower-Matrix.
Resilienz, das ist ein ursprünglicher Begriff aus der Materialkunde und Physik, der auf psychologische Phänomene übertragen wurde und die Fähigkeit beschreibt, trotz widriger Umstände nicht zu zerbrechen, sondern psychisch widerstandskräftig zu sein. Beobachtet wurde das bei Kindern, die unter den gleichen widrigen Lebensumständen aufwuchsen und trotzdem unterschiedlich stark belastet waren. Der Begriff setzt also widrige Umstände voraus. Er ist keine Rechtfertigung für sie.
Selbstverständlich begrüße ich es sehr, wenn Unternehmen das Thema aufgreifen. Mich stört, wenn es nur an der Oberfläche bleibt und wenn solche Formate Alibi-Angebote sind, für deren Teilnahme die Frauen auch noch kämpfen müssen. Und mich stört am meisten, wenn sich an der eigentlichen Belastung nichts ändert.
In meinen Coachings bleibe ich nicht an der Oberfläche. Es gibt keine Patentlösungen, keine Listen oder Tipps. Stattdessen schaue ich ganzheitlich und systemisch hin, was zum Problem beiträgt. Wer ist die Person? Was ist der Kontext? Was ist die Struktur, in der sich alles abspielt? Resilienz entsteht nicht in einem Training, sondern dort, wo das Zusammenspiel von Mensch und Umfeld bewusst gestaltet wird.
Wenn du spürst, dass bei dir mehr nötig ist als ein weiteres Training, lass uns in einer Fokussession gemeinsam hinschauen, was wirklich dahintersteckt.
Fröhlich-Gildhoff, K., & Rönnau-Böse, M. (2024). Resilienz (7., aktualisierte Auflage). Ernst Reinhardt Verlag (UTB).